Er stieg trotzdem ins Boot

Im Leben geht es um Entscheidungen. Keine Entscheidung hat eine größere Tragweite als die Frage, wem wir dienen werden: Gott oder uns selbst.

Von Scott Ashley

Er stieg trotzdem ins Boot. Seit einem Jahr denke ich immer wieder an diesen Satz. Warum? Weil er Gottes Erwartung an uns in so treffender Weise auf den Punkt bringt. Vor einem Jahr besuchten meine Frau und ich als Teil einer Reisegruppe einige biblische Stätten in der Türkei, einschließlich der Städte der sieben Gemeinden, die in Offenbarung, Kapitel 2 und 3 erwähnt werden.

An einem Nachmittag gab es einen Ausflug nach Milet, der Hafenstadt, die südlich der Stadt Ephesus an der Westküste Kleinasiens lag. Heute sieht man nicht mehr viel vom antiken Milet. Die letzten 2000 Jahre hatten eine verheerende Wirkung auf die Stadt, teils durch zahlreiche Erdbeben.

Dennoch sieht man ein gut erhaltenes griechisch-römisches Theater, die Bäder, die im späten 2. Jahrhundert dank einer Spende der Ehefrau des römischen Kaisers Mark Aurel gebaut wurden (er war der Kaiser in den ersten Szenen des Spielfilms Gladiator), und die Überreste eines Denkmals, das an den Seesieg des Oktavian über Marcus Antonius und Kleopatra 31 v. Chr. bei Aktium erinnert. Der Sieg ermöglichte Oktavian den Übergang zum Imperator als Kaiser Augustus und markierte den anfänglichen Aufstieg des Römischen Reiches zu einer überregionalen Großmacht.

Das Denkmal stand am Eingang des Hafens von Milet, und von dort verlief eine Hauptstraße ins Stadtzentrum. Als unsere kleine Gruppe an der Stelle stand und sich vorzustellen versuchte, wie der antike Hafen ausgesehen haben mag, fiel mir etwas ein: Der Apostel Paulus war nur wenige Meter entfernt von dieser Stelle vorbeigegangen.

Ich habe mehrere Städte besucht, die Paulus kannte: Jerusalem, Rom, Ephesus, Caesarea am Meer und Puteoli (heute Puzzuoli). Aber keine dieser Städte wirkte auf mich so emotional ein, wie es an dieser Stelle in Milet der Fall war. Warum? Aufgrund dessen, was dort passiert ist und welches Beispiel es für uns bedeutet.

Der Apostel Paulus in Milet

Paulus besuchte Milet zum Schluss seiner dritten Reise. Den Grund für seinen Aufenthalt in Milet erfahren wir in Apostelgeschichte 20, Vers 16: „Denn Paulus hatte beschlossen, an Ephesus vorüberzufahren, um in der Provinz Asien keine Zeit zu verlieren; denn er eilte, am Pfingsttag in Jerusalem zu sein, wenn es ihm möglich wäre.“

Paulus reiste nicht nach Ephesus, weil ihm die Zeit dazu fehlte, obwohl er sich auf dieser Reise zwei Jahre lang dort aufgehalten hatte (Apostelgeschichte 19,10). Er hatte bestimmt viele Freunde in Ephesus, und ein Besuch dort hätte seine Ankunft in Jerusalem hinausgezögert, sodass er das Pfingstfest dort verpasst hätte. Deshalb tat er das Nächstbeste. Er machte in Milet halt, dem Hafen nahe der Stadt Ephesus, und bat die Ältesten in Ephesus, zu ihm nach Milet zu kommen (Apostelgeschichte 20,17).

Es war wahrscheinlich ein emotionales Wiedersehen, denn sie hatten sich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Tränen der Freude zeigten sich, als sich Paulus und die nach Milet gereisten Ältesten umarmten, doch die Freude sollte bald der Trauer weichen.

Das Leiden eines Dieners Gottes

Paulus’ Weg mit Gott in den mehr als 20 Jahren seit seiner Bekehrung durch ein Wunder war kein einfacher gewesen. Er hatte in seinem Dienst für Gott viele Anfechtungen und Prüfungen durchgemacht. Er musste sich auch manchmal gegen falsche Prediger und Feinde verteidigen, die sich für etwas Besseres hielten, es aber hinsichtlich des Leidens nicht mit Paulus aufnehmen konnten. Paulus berief sich dabei auf seine Erlebnisse:

„Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern . . . in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden“ (2. Korinther 11,23-28).

Paulus hatte viel gelitten. Er wurde wegen der Botschaft, die er predigte, gehasst, und man hatte versucht, ihn zu töten. Er wusste auch, dass man es wieder versuchen würde. Er wusste, dass es nach seinem Tod viele Irrlehren geben und zu Spaltungen kommen würde. Paulus richtete deshalb eine ernsthafte Warnung an die Ältesten, die ihn in Milet trafen.

Paulus’ letzte Worte an die Ältesten in Ephesus

Jene Warnung kam mir in den Sinn, als ich in Milet am Eingang des Hafens stand und über die letzten Worte des Apostels an seine Mitstreiter und Freunde nachdachte. Er sagte ihnen:

„Ihr wisst, wie ich mich während meines ganzen Aufenthalts in der Provinz Asien [in der Westtürkei] verhalten habe, und zwar vom ersten Tag an. Ohne an mich selbst zu denken, habe ich dem Herrn gedient, oft unter Tränen und in schweren Prüfungen . . . Ihr wisst auch, dass ich nichts verschwiegen habe. Ich habe euch alles gepredigt und gelehrt, was eurer Rettung dient – öffentlich, aber auch in euren Häusern. Juden wie Nichtjuden habe ich eindringlich aufgefordert, dass sie zu Gott umkehren und an Jesus, unseren Herrn, glauben sollen.

Ich gehe jetzt nach Jerusalem, und es ist der heilige Geist, der mich dazu drängt. Was dort mit mir geschehen wird, weiß ich nicht. Nur dies eine weiß ich, dass mich Gefangenschaft und Leiden erwarten. Denn das bestätigt mir der heilige Geist deutlich in allen Städten, die ich besuche. Aber mein Leben ist mir nicht wichtig. Vielmehr will ich bis zum Schluss den Auftrag ausführen, den mir Jesus, der Herr, gegeben hat: die rettende Botschaft von Gottes Gnade zu verkünden. Hört, was ich euch nun sagen möchte: Ich weiß, dass keiner von euch, denen ich von Gottes Reich gepredigt und bei denen ich gelebt habe, mich wiedersehen wird“ (Apostelgeschichte 20,18-25; „Hoffnung für alle“-Übersetzung).

Paulus’ Worte waren schockierend und ernüchternd. Er wies sie auf ihre Verantwortung bei der Betreuung der Gemeinde hin, die Gott ihnen anvertraut hatte. Er musste sie auch vor einigen in ihren eigenen Reihen warnen, die später eine Gefolgschaft für sich selbst zu gewinnen versuchen würden. Dieses Verhalten hat sich leider im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte wiederholt, da es immer wieder Männer gab, die Macht mehr liebten als Gottes kleine Herde.

Durch die Inspiration des heiligen Geistes wusste Paulus, dass das Ende seines Dienstes für Gott näher rückte. Bald würde er nicht mehr frei reisen dürfen, um das Wort Gottes zu predigen, sondern eine längere Haftzeit durchleben müssen. Er wusste auch, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit seine lieben Freunde in Ephesus nie wiedersehen würde.

In den Fußstapfen eines früheren Dieners Gottes

Auf vielerlei Weise erinnern mich die Worte des Paulus an seine Freunde in Milet an die Worte eines anderen Lehrers, der sich mit seinen Freunden traf und ihnen eine bewegte Abschiedsbotschaft hinterließ. Das Treffen hatte in Jerusalem stattgefunden – das jetzt das Reiseziel von Paulus war, als er den Fußstapfen seines Meisters folgte.

Im Leben geht es um Entscheidungen. Jesus von Nazareth musste manche Entscheidung treffen, als die letzte Reise in seinem Leben bevorstand: „Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er hinweggenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern“ (Lukas 9,51). Christus wusste, was ihm bevorstand – Gefangennahme, Leiden und Tod. Er hätte es sich jederzeit anders überlegen können, aber er tat es nicht. Warum nicht? Weil er den Willen seines Vaters tun wollte, der ewiges Leben für Sie und mich vorsah. Jesus traf die Entscheidung, sich für andere und nicht für sich selbst einzusetzen.

Paulus entschied sich für denselben Weg. Ihm war bewusst, wohin ihn dieser Weg letztendlich führen sollte – zu Gefangennahme, Leiden und Tod. Er zögerte jedoch nicht, denn er wusste auch, dass sein Leben nicht mehr sein eigenes war, da er teuer erkauft worden war: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe“ (1. Korinther 6,19-20; vgl. dazu Galater 2,20).

Er stieg trotzdem ins Boot

In Apostelgeschichte 20, Verse 36-38 wird der Abschied des Paulus von seinen Freunden in Milet beschrieben: „Und als er das gesagt hatte, kniete er nieder und betete mit ihnen allen. Da begannen alle laut zu weinen, und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn, am allermeisten betrübt über das Wort, das er gesagt hatte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen. Und sie geleiteten ihn auf das Schiff.“

Diese bewegende Szene fasste in mancher Hinsicht das Leben dieses tief motivierten Mannes zusammen. Obwohl er wusste, was ihm bevorstand, stieg er trotzdem ins Boot.

Er hätte sich anders entscheiden können. Er hätte seine Freunde nach Ephesus begleiten und seine Missionsarbeit dort fortsetzen können. Von dort aus hätte er ganz Kleinasien bereisen können. Aber er tat es nicht. Paulus folgte den Fußstapfen Jesu Christi und unternahm die schicksalsvolle Reise nach Jerusalem, wohl wissend, was ihn diese Reise kosten würde.

Im Leben geht es um Entscheidungen. Keine Entscheidung hat eine größere Tragweite als die Frage, wem wir dienen werden: Gott oder uns selbst. Gottes Wort lehrt uns, dass unsere Entscheidungen in der zunehmend gefährlichen Zeit vor der Wiederkehr unseres Herrn und Meisters Jesus Christus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen werden.

Wenn uns in Zukunft die Konsequenzen unserer Entscheidung für Gott bewusst werden, werden wir ihm trotzdem treu bleiben und auf symbolische Weise ins Boot steigen?

– GN Mai-Juni 2017 PDF-Datei dieser Ausgabe

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